|
Die Kirche in „Lar“ – wie der 832 zuerst bezeugte
Ort bis ins 16. Jahrhundert hieß, erst ab dann zur Unterscheidung
von anderen Orten gleichen Namens „Sieglar“ – scheint
schon frühzeitig, bald nach der Besiedlung beim fränkischen
Landausbau des 7. Jahrhunderts entstanden zu sein. Sie war Taufkirche
eines großen Sprengels und führte als Patron noch im
17. Jahrhundert den heiligen Johannes den Täufer. Heute heißt
das Patrozinium Sankt Johannes ante portam latinam (Heiliger Johannes,
Evangelist, vor dem lateinischen Tore in Rom). Im 11. Jahrhundert
besaßen die Pfalzgrafen an der Kirche Rechte, die bald nach
1060 zur Hälfte an die vom Kölner Erzbischof und Kanzler
des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dem Heiligen
Anno, neugegründeten Benediktinerabtei Siegburg, zur anderen
Hälfte in der Folge an die Herren von Löwenberg, die
von Stein und schließlich von Nesselrode übergingen.
 Um 1150 ist der stämmige Westturm entstanden, der allein
von der romanischen Kirche erhalten blieb. Wie die im unteren Teil
ä
ltere, durch Baufugen abgesetzte Ostwand erweist, war er dem vermutlich
einschiffigen Langhaus nachträglich angefügt. Das Äußere
war noch abweisender, bevor um 1825 das klassizistische Langhaus
angefügt wurde. Nur die Glockenstube unter dem achtseitigen
Spitzhelm ist mit Lisenen und Rundbogenfriesen in jeweils zwei
Felder um die gekuppelten Schallfenster gegliedert. Innen ist an
Spuren zu erkennen, daß darunter im 5. Geschoß einmal ähnliche
Schallöffnungen vorhanden waren, auf die man aber bald verzichtet
haben mag.

Die alte Kirche war für die aus fünf Dörfern bestehende
Pfarrgemeinde schon längst zu klein geworden, als es 1823
zum Neubau kam. Bereits 1793 hatte man offiziell einen Erweiterungsbau
erörtert, diesen aber wegen der bald ausbrechenden Revolutionskriege
aufschieben müssen. Die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts
waren eine sparsame Zeit, daher blieb ein aufwendiger Bau damals
auf dem Land eine Ausnahme. Erst nach der Napoleonischen Zeit,
als das Rheinland an Preußen gekommen war, lies Bürgermeister
Braschos einen Kostenvoranschlag für den Bau einer neuen Kirche
ausarbeiten, die dann 1822/23 gebaut wurde. Sie war, wie es in
großen Lettern über den Voranschlägen stand, „nach
preußischem Maß“. Die vorgelegten Pläne
wurden von der Oberbauinspektion in Berlin überarbeitet und
mit zahlreichen Änderungen versehen, so daß man mit
Recht vermuten kann, daß hier der zeitgenössische protestantische
Kirchenbau Pate gestanden hat. Klassizismus war damals „offizielle
preußische Baugesinnung“. Das neue große Schiff,
dessen Dachfirst fast bis zum Ansatz des Turmhelms reicht, war
im Osten durch eine breite Apsis geschlossen. Die massiven Außenmauern
mit je fünf schlanken Fenstern lassen an einen einfachen Saalraum
denken. Im Innern wird man jedoch von eingebauten Emporen überrascht,
die den weiten Kirchenraum zu einer dreischiffigen Halle werden
lassen. Dieser Emporeneinbau erinnert wohl nicht zufällig
an protestantischen Kirchenbau. Die Holzeinbauten der Emporen,
die durchgehenden Fenster in der Außenwand, die kräftigen
Säulen der unteren und die schlankeren Säulen der oberen
Emporenzone und das leichte Holzgewölbe mit seinen gotisierend
betonten Kreuzrippen vereinigen sich zu einer Reizvollen Einheit.
Man meint, hier etwas von dem klaren Geist des großen Schinkel
zu spüren und erinnert sich, daß damals die preußische
Verwaltung entscheidenden Einfluß auf das Bauwesen der neuen
Provinz gewann. Von der alten Ausstattung, die einst ziemlich reich
gewesen sein muß,ist kaum etwas übrig geblieben. Als
wichtigstes Stück gilt der schöne romanische Taufstein
aus Siebengebirgs-Andesit: ein Kessel mit Laubwerkfries am sechsseitigen
Rand auf sechs Säulen, in einem Typ, der um 1200 im Rheinland
weit verbreitet war. Aus dem gleichen Stein wurde 1763 die lebendgroße
Kreuzigungsgruppe gehauen, die heute vor der Nordseite des Turmes
steht. Früher war sie in einer kapellenartigen Muschel auf
der heutigen oberen Meindorfer Straße aufgestellt, die in
den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts angeblich aus verkehrstechnischen
Gründen abgerissen wurde.
|
|
Schon fünfzig Jahre nach der Fertigstellung
dieser Kirche wußte man deren künstlerischen Wert schon
nicht mehr zu schätzen. Die klassizistischen Ornamente und
Inschriften auf den Holzteilen der Emporen, deren Sprüche
sich auf die acht Seligpreisungen beziehen, wurden grau übermalt.
Obschon der Kirchenraum für eine möglichst hohe Besucherzahl
ausgelegt war, mußte man am Ende des 19. Jahrhunderts erneut
an eine Vergrößerung denken. Durch die Industrieansiedlungen
hatte insbesondere in den Orten Spich und Oberlar die Bevölkerung
stark zugenommen. Im Dezember 1898 beschloß der Kirchenvorstand
den Erweiterungsbau. Die Finanzlage war günstig; die Gemeinde
Sieglar hatte große Ländereien an die Schießplatzverwaltung
in Wahn verkauft und besaß genügend Geld für einen
Neubau. Der Bau war mit 62.000 Mark veranschlagt, letztlich bezifferten
sich die wirklich angefallenen Kosten mit 75.000 Mark. Die Zivilgemeinde
bewilligte dazu ein Kapital von 60.000 Mark, wovon 27.000 Mark
als verlorener Zuschuß gewährt wurden. Geplant wurde
der Anbau eines Querschiffes und eines Chores. Architektonisch
zollte man dem nunmehr geltenden Zeitgeschmack und wollte eine
neogotische Ausführung des Anbaus. Der beauftragte Kölner
Architekt Theodor Ross vertrat sogar die Meinung, es handele sich
bei dem Anbau von Querschiff und Chor lediglich um ein vorläufiges
Bauvorhaben, dem eine spätere Ergänzung durch ein ebensolches
neogotisches Langhaus folgen und die Kirche damit eine gotische
Basilika werden sollte. Man sieht, wie wenig Respekt dieser Architekt
damals vor dem kunstgeschichtlich heute als wertvoll eingestuften
klassizistischen Langhaus hatte. Der Kirchenvorstand war wohl der
gleichen Auffassung. Deshalb gab man sich mit einem organischen
Anschluß der beiden verschiedenen Bauteile auch keine Mühe
sondern hat diesen in recht liebloser, ja häßlicher
Form vorgenommen.

Erst in der ersten Hälfte der 50er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts wurde bei einer gründlichen Überarbeitung
des Innenraums der Kirche eine adäquate Lösung dieses
Problems gefunden. Allerdings waren auch hier wieder Modernisten
am Werk, denen, wie zu sehen ist, eine Verstümmelung des neogotischen
Hochaltars, der Ersatz des originalen ebenfalls neogotischen Helmes
der Kanzel durch einen flachen Schalldeckel und die Entfernung
der massiven, geschnitzten Kommunionbank aus Holz zu verdanken
ist. Gottlob konnten die Altaraufbauten, weil diese offenbar noch
auffindbar waren, später wieder angebracht werden; die beiden
anderen Ausstattungen dürften endgültig verloren sein. Im Jahr 1972 wurde festgestellt, daß die Dachkonstuktion
des klassizistischen Langhauses in einem Zustand war, der eine
völlige Erneuerung erforderlich machte. Da Dachstuhl und das
ebenfalls hölzerne Gewölbe samt Innenausbau eine konstruktionelle
Einheit bilden und gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen
waren, entschloß man sich zu einer Generalsanierung. Vom
Langhaus blieben nur die mächtigen Außenmauern stehen,
das Dach und der Innenausbau wurden originalgetreu in fast siebenjährigen
Restaurierungsarbeiten wieder hergestellt. Man nahm sich auch in
einem zweiten Bauabschnitt des neugotischen Chors und Querschiffs
an, um Schäden zu beseitigen und Malerarbeiten durchzuführen.

Dabei erhielt die Farbgebung des gesamten Kirchenraumes seine
im wesentlichen ursprüngliche Fassung zurück. Gleichzeitig
wurden neue Bänke angeschafft, wodurch unter anderem auch
die Dreischiffigkeit der Anlage besser zur Geltung kommt. Chor
und Querschiff erhielten auch neue Fensterverglasungen in modernisierender
Aufmachung, über die die Meinungen auseinandergehen, die
fast farblos helle Fensterverglasung des Langhauses wurde erhalten,
befindet sich aber zur Zeit in schlechtem Zustand.
|
|